Die Pandemie als Vorwand für die Verschärfung der fiskalischen und monetären Zügellosigkeit von Regierungen und Zentralbanken

Dynamische Effizienz als notwendige und hinreichende Bedingung für die Erholung der Wirtschaft von einer Pandemie

Jede Wirtschaft, die von einer Pandemie betroffen ist, muss einige Bedingungen erfüllen, die zunächst die Anpassung an die neuen Umstände mit möglichst geringen Kosten und nach Beendigung der Pandemie den Beginn einer gesunden und nachhaltigen Erholung ermöglichen. Wir haben bereits im ersten Teil dieses Beitrags gesehen, welche möglichen strukturellen Auswirkungen eine Pandemie kurz-, mittel- und schließlich langfristig haben kann und welche Rolle die durch die Pandemie erzeugte natürliche Zunahme der Unsicherheit zunächst auf den Anstieg der Geldnachfrage und dessen Kaufkraft hat: Bei einem Lockdown, in dem die Produktion vorübergehend gelähmt ist, ist es besonders wichtig, dass es einen begleitenden Rückgang der Nachfrage gibt, um Konsumgüter und Dienstleistungen freizusetzen, und so den Mindestkonsumbedarf all derer zu decken, die gezwungen sind, ihre produktive Arbeitstätigkeit auszusetzen. Mit anderen Worten: Der Anstieg der Kassenhaltung und die Senkung der nominalen Preise erleichtern die Anpassung der Verbraucher und der Wirtschaftsakteure an die schwierigen Umstände und ermöglichen gleichzeitig allen schnell zu reagieren, sobald das Ende des Tunnels in Sicht ist und das Vertrauen wieder zunimmt. Aber in jedem Fall muss die Wirtschaft “dynamisch effizient” sein,(34) damit sie in der Lage ist, die sich abzeichnenden Chancen zu entdecken und es möglich zu machen, sie auch zu nutzen und den Aufschwung in Gang zu setzen. Für eine dynamische Effizienz ist all das notwendig, was die freie Ausübung der unternehmerischen Funktion, sowohl der kreativen als auch der koordinierenden, aller Wirtschaftsakteure ermöglicht und erleichtert. So sind die Akteure in der Lage, die verfügbaren wirtschaftlichen Ressourcen für neue rentable und nachhaltige Investitionsprojekte zu mobilisieren, die sich auf die Produktion von Gütern und Dienstleistungen konzentrieren, die die Bedürfnisse der Bürger befriedigen und die von ihnen kurz-, mittel- und langfristig von sich aus nachgefragt werden. In einem Kontext von Volkswirtschaften, in die der Staat stark eingreift, wie die unsrigen, erfordert dies, dass der Prozess der Preisbildung und Festsetzung durch das freie Unternehmertum mit aller Agilität durchgeführt wird. Dafür müssen die Märkte maximal liberalisiert werden, insbesondere der Arbeitsmarkt und die Märkte der übrigen Produktionsfaktoren, indem alle die Wirtschaft verkrustenden Regulierungen beseitigt werden. Darüber hinaus darf der öffentliche Sektor nicht die Ressourcen verschwenden, die Unternehmen und Wirtschaftsakteure benötigen, um zunächst mit den Verwüstungen der Pandemie fertig zu werden und zu überleben und dann, wenn sich die Lage bessert, alle verfügbaren Ersparnisse und ungenutzten Ressourcen für den Wiederaufbau zu nutzen. Es ist daher unerlässlich, mit einer allgemeinen Steuersenkung fortzufahren, die ein Maximum an Ressourcen in den Taschen der Bürger belässt und vor allem die Unternehmensgewinne und die Kapitalakkumulation so weit wie möglich von der Besteuerung befreit. Wir müssen daran erinnern, dass Gewinne das wesentliche Signal sind, das die Unternehmer in ihrer unersetzlichen kreativen und koordinierenden Arbeit leitet, wenn es darum geht, profitable und nachhaltige Investitionsprojekte aufzuspüren, zu beginnen und abzuschließen. Diese Projekte schaffen dann dauerhafte Beschäftigung. Zudem ist es notwendig, die Kapitalakkumulation zu fördern und nicht fiskalisch zu bestrafen, falls wir die arbeitenden Klassen und insbesondere die Schwächsten begünstigen wollen, da die Löhne, die sie verdienen, letztlich durch ihre Produktivität bestimmt werden, die umso größer sein wird, je höher das Pro-Kopf-Kapitalvolumen in Form von immer größeren und anspruchsvolleren Kapitalgütern ist, die ihnen von den Unternehmern zur Verfügung gestellt werden. Und was den Arbeitsmarkt betrifft, so sollten alle Arten von Regulierungen vermieden werden, die das Arbeitsangebot, die Arbeitsmobilität und die volle Verfügbarkeit der Arbeit für einen schnellen und agilen Wiedereinstieg in neue Investitionsprojekte reduzieren. Besonders schädlich sind daher die Festsetzung von Mindestlöhnen, die Versteifung und gewerkschaftliche Organisierung der Arbeitsbeziehungen im Unternehmen, die Behinderung und vor allem das gesetzliche Kündigungsverbot sowie die Schaffung von Subventionen und Hilfen (in Form von befristeten Beschäftigungsregelungen, Arbeitslosengeld, Existenzminimum), die in Kombination die Suche und den Wunsch nach Arbeit und Beschäftigung entmutigen können, wenn deutlich wird, dass es für viele interessanter ist, von Subventionen zu leben, ohne offiziell zu arbeiten und sich der Schattenwirtschaft zu widmen.(35)

All diese strukturellen Maßnahmen und Reformen müssen mit der notwendigen Reform des Wohlfahrtsstaates kombiniert werden. Diese Reform zielt darauf ab, die Verantwortung für Renten, Gesundheit und Bildung an die Zivilgesellschaft zurückzugeben und denjenigen, die dies wünschen, die Möglichkeit zu geben, ihre Leistungen in den privaten Sektor auszulagern, mit einer entsprechenden Steuerreduzierung (wir haben bereits im vorherigen Abschnitt angedeutet, dass sich jedes Jahr fast 80 Prozent der Millionen von spanischen Beamten aus freien Stücken für eine private Gesundheitsversorgung und gegen die öffentliche entscheidet; dafür muss es einen Grund geben…).

Der Fahrplan für die am besten geeignetste Wirtschaftspolitik, um einer Pandemie zu begegnen und vor allem, um sich von ihr zu erholen, ist daher ziemlich klar. Seine wesentlichen Prinzipien sind den einen weithin bekannt, den anderen sogar ein “offenes Geheimnis.” Letzteres ist vor allem bei all jenen der Fall, die auf populistische Demagogie setzen. Diese Demagogie weckt falsche und unrealistische Erwartungen in einer Bevölkerung, die in Zeiten einer Pandemie äußerst verängstigt und desorientiert ist.(36)

 

Erschöpfung der ultralockeren Geldpolitik in den Jahren vor der Pandemie

Wenn wir uns nun auf die aktuelle Covid-19-Pandemie konzentrieren, die wir als Hauptbeispiel in dieser Arbeit analysiert haben, lohnt es sich, eine sehr wichtige Besonderheit hervorzuheben, die die künftige wirtschaftliche Entwicklung negativer als nötig bedingt und verzerrt. In der Tat entsteht und verbreitet sich diese Pandemie ab 2020 weltweit in einem ganz bestimmten Kontext. Für viele Monate davor und sogar Jahre und unter dem Vorwand, zunächst die beginnende Erholung nach der Großen Rezession von 2008 zu unterstützen und dann mit den vermeintlichen oder tatsächlichen Unsicherheiten umzugehen, die immer aufkommen (populistischer Protektionismus von Trump, Brexit, etc. ), hatten die Zentralbanken weltweit bereits eine ultralockere Geldpolitik mit Null- oder gar Negativzinsen und Geldspritzen eingeleitet, die es in ihrer Intensität, ihrem Ausmaß und ihrer internationalen Koordination in der Wirtschaftsgeschichte der Menschheit so noch nie gegeben hatte.

In meinem Artikel “Die Japanisierung der Europäischen Union”(37) erkläre ich, wie die ultralockere Geldpolitik, die die Zentralbanken vor dem Auftreten der Pandemie betrieben haben, einen selbstfrustrierenden Effekt hatte. Zum einen hat die ultralockere Geldpolitik es auffällig versäumt, die Preisinflation auf ein Niveau nahe der Zwei-Prozent-Marke anzuheben. Tatsächlich wurde die massiven Geldspritzen in einem Umfeld großer institutioneller Starrheit und Unsicherheit durch einen gleichzeitigen und allgemeinen Anstieg der Geldnachfrage durch die Wirtschaftsakteure weitgehend sterilisiert, da die Opportunitätskosten für die Kassenhaltung auf Null gesenkt wurden; außerdem haben sich in einem Rahmen ständiger Regulierung und wirtschaftlichen Interventionismus, der die Gewinnerwartungen belastet und verhindert, dass sich das seit der Großen Rezession von 2008 verlorene Vertrauen vollständig erholt, keine klaren Möglichkeiten für nachhaltige Investitionen ergeben. Infolgedessen war es nicht möglich, die notwendige Bereinigung aller Investitionsfehler abzuschließen, die in den Jahren der Blasen- und Kreditexpansion vor 2008 gemacht wurden. Zum anderen, und zweitens wurden, als die Zentralbanken mit ihrer Politik der massiven Geldspritze, der “quantitativen Lockerung” und der Senkung der Zinssätze auf Null begannen, alle Anreize, die die verschiedenen Regierungen (Spaniens, Italiens, Frankreichs, etc.) hätten haben können, um Reformen einzuleiten oder zu vollenden, “ipso facto” eliminiert. Die anstehenden wirtschaftlichen, regulatorischen und institutionellen Reformen sind für die Förderung eines vertrauensvollen Umfelds unerlässlich, in dem sich Unternehmer, frei von unnötigen Bindungen und Hindernissen, der Entwicklung ihrer Kreativität und langfristigen Investitionen widmen und nachhaltige Arbeitsplätze schaffen können. Denn welche Regierung wird die hohen politischen Kosten tragen, um z.B. ihren Haushalt in Ordnung zu bringen und den Arbeitsmarkt zu liberalisieren, wenn de facto jedes Defizit direkt oder indirekt und zum Nulltarif, d.h. vollständig monetarisiert, von der Zentralbank finanziert wird? So hält zum Beispiel die Europäische Zentralbank bereits fast ein Drittel der von den Mitgliedsstaaten der Eurozone ausgegebenen Staatsanleihen, und von dem Moment an, als sie mit ihrer Politik des wahllosen Aufkaufs derselben begann, stoppte sie den gesamten Prozess der wirtschaftlichen und institutionellen Reformen, die die Mitgliedsstaaten so dringend benötigten. Die Schlussfolgerung der Wirtschaftstheorie könnte nicht klarer sein: In einem Umfeld großer institutioneller Starrheit und wirtschaftlichen Interventionismus dient eine ultralockere Geldpolitik nur dazu, die Starrheit und Trägheit der betroffenen Volkswirtschaften auf unbestimmte Zeit aufrechtzuerhalten und die Verschuldung der jeweiligen öffentlichen Sektoren bis an ihre äußersten und schwer aufrechtzuerhaltenden Grenzen zu erhöhen.

 

Reaktion der Zentralbanken auf das überraschende Auftreten der Pandemie

Und vor diesem besorgniserregenden wirtschaftlichen Hintergrund, in dem die Zentralbanken praktisch ihr gesamtes Arsenal an “unkonventionellen Waffen” der ultralockeren Geldpolitik verschossen haben, tauchte die Covid-19-Pandemie im Januar 2020 überraschend auf. Die Reaktion der Währungsbehörden bestand einfach aus mehr vom Gleichen: die Geldspritzen verdoppeln, wenn möglich sogar noch mehr, durch die Erhöhung ihrer Programme zum Ankauf von Finanzaktiva (deren Preis, zur Freude der Großinvestoren wie Investmentfonds, Hedge-Fonds, etc., nicht aufgehört hat zu wachsen. So vergrößern die Zentralbanken das Vermögen einiger weniger noch mehr, wenn gleichzeitig das Vermögen der meisten Bürger schrumpft und die Wirtschaft in eine Rezession gerät). Zudem beginnt auch de facto das neue Geld in zunehmendem Maße durch direkte Hilfen und Subventionen verteilt zu werden, die über das monetarisierte Staatsdefizit finanziert werden, so dass ein wichtiger Teil des neu geschaffenen Geldes bereits beginnt, direkt in den Taschen der Haushalte selbst anzukommen. Aber wir wissen spätestens seit Hume 1752(38), dass die rein paritätische Verteilung von Geldeinheiten unter den Bürgern keine realen Effekte hat.(39) Aus diesem Grund wollen die Währungshüter von dem berühmten “Friedman’schen Hubschrauber” als Instrument ihrer Geldpolitik gar nichts wissen. Denn ihre Geldpolitik erzeugt nur dann scheinbare Expansionswirkungen, wenn zunächst nur wenige Sektoren, Unternehmen und Wirtschaftsakteure das neue Geld erhalten, mit allen Nebenfolgen einer Zunahme der Ungleichheit in der Einkommensverteilung zugunsten einiger weniger, die wir bereits im Zusammenhang mit den Auswirkungen der “Quantitative Easing”-Politik als bestimmendem Faktor der Bereicherung der Akteure auf den Finanzmärkten erwähnt haben. Unbestreitbar ist jedoch, dass das neue Geld, sofern es nicht von privaten Banken(40) und desmotivierten Unternehmenssektoren sterilisiert wird, früher oder später in den Taschen der Verbraucher landen und inflationäre Spannungen erzeugen wird, da der Hume-Effekt des unaufhaltsamen Kaufkraftverlustes der Geldeinheit offensichtlich wird. Und dieser Effekt wird immer deutlicher werden, wenn die anfängliche Unsicherheit der Haushalte überwunden ist und sie der Meinung sind, dass es nicht länger notwendig ist, so hohe Kassenbestände zu halten, oder dass sie einfach gezwungen sind, das Geld auszugeben, das sie in Form von Subventionen erhalten, um ihr Auskommen zu bestreiten, solange ihre Mitglieder arbeitslos sind und nicht produzieren können. In jedem Fall deutet alles in die gleiche Richtung: Eine wachsende monetäre Nachfrage bei einer durch die Pandemie geschrumpften Produktion führt unweigerlich zu einem wachsenden Aufwärtsdruck auf die Preise.(41) Und genau das zeichnet sich zum Zeitpunkt des Verfassens dieses Artikels (Januar 2021) bereits ab. Zum Beispiel steigen die Preise für landwirtschaftliche Produkte weiter und haben den höchsten Stand seit drei Jahren erreicht; dasselbe geschieht mit den Frachtraten und vielen anderen Rohstoffen (Mineralien, Öl, Erdgas usw.), die sehr hohe Preise erreichen, sogar Rekordhöhen.

 

Die Sackgasse, in der sich die Zentralbanken befinden

Die Schlussfolgerung könnte nicht eindeutiger sein. Die Zentralbanken sind in eine echte Sackgasse geraten. Wenn sie die Flucht nach vorne antreten und ihre Politik der monetären Expansion und der Monetarisierung eines immer größer werdenden Staatsdefizits noch weiter vorantreiben, laufen sie Gefahr, eine ernsthafte Krise der Staatsverschuldung und der Inflation zu erzeugen. Wenn sie aber – aus Angst vor dem Szenario der “Japanisierung” vor der Pandemie zu einem „Venezuela“-ähnlichem Szenario nach der Pandemie überzugehen – ihre ultralockere Geldpolitik beenden, dann wird die Überbewertung der öffentlichen Staatsanleihenmärkte sofort offensichtlich werden und eine große Finanzkrise und wirtschaftliche Rezession hervorrufen, die mittel- und langfristig so schmerzhaft wie gesund sein wird. Und Tatsache ist, dass es, wie das “Theorem der Unmöglichkeit des Sozialismus” zeigt, für Zentralbanken (echte Behörden der zentralen Finanzplanung) unmöglich ist zu wissen, was die jeweils günstigste Geldpolitik ist.

Angesichts der Offensichtlichkeit der gegenwärtigen sehr schwierigen Situation ist es sehr anschaulich, die Empfehlungen und Reaktionen zu beobachten, die in zunehmend nervöser und ängstlicher (ich würde sogar sagen “hysterischer”) Form von Investoren, “Experten”, Kommentatoren und sogar von den renommiertesten Wirtschaftsführern und Währungsbehörden ausgesprochen werden.

So werden zum Beispiel ständig neue Artikel und Kommentare veröffentlicht, vor allem in den Finanzzeitungen, angeführt von der Financial Times. Diese Zeitungen neigen immer dazu, die Märkte zu beruhigen und ausnahmslos die Botschaft aussenden, dass die Null- (oder sogar Negativ-) Zinsen noch viele Jahre lang so bleiben werden, da die Zentralbanken nicht von ihrer ultralockeren Geldpolitik ablassen werden, so dass die Investoren beruhigt sein können und weiterhin mit dem Handel und den Käufen an den Rentenmärkten reich werden. Die Zentralbanken wiederum bauen vor und kündigen die Revision ihrer Inflationsziele an, mit der Absicht, sie (offensichtlich nach oben) zu “lockern”, und unter dem Vorwand, die Jahre zu kompensieren, in denen sie die Inflationsziele nicht erreichen konnten, und um zu rechtfertigen, dass sie keine geldpolitischen Gegenmaßnahmen ergreifen, selbst wenn die Inflation steigt.(42) Andere Berater der Währungsbehörden schlagen sogar vor, das Inflationsziel aufzugeben und direkt die Aufrechterhaltung einer bestimmten, besonders niedrigen Zinskurve als Ziel einzuführen (d.h. von Null- oder sogar negativen Zinssätzen für viele Jahre der Zinskurve, wofür alle notwendigen “Offenmarkt”-Operationen durchgeführt würden). Und all dies wird von den Anhängern der so genannten “Modern Monetary Theory” unterstützt, die trotz ihres Namens weder modern noch geldtheoretisch ist, sondern nur ein Potpourri alter keynesianischer und merkantilistischer Rezepte, die eher für die spanischen „Arbitristas“ vergangener Jahrhunderte typisch sind (da sie behaupten, dass das Defizit irrelevant ist, weil es unbegrenzt durch die Emission von Schulden und deren Monetarisierung finanziert werden kann), als für die wahren Theoretiker unserer Disziplin. Diese Rezepte richten unter unseren wirtschaftlichen und geldpolitischen Verantwortlichen Chaos an.(43) Und so kommen wir zum letzten der “Vorschläge”, die immer beliebter werden: die Streichung der von den Zentralbanken erworbenen Staatsschulden (die, wie wir gesehen haben, bereits fast ein Drittel der Gesamtschulden ausmachen).

Zunächst einmal ist es offensichtlich, dass diejenigen, die zunehmend in den Chor der Befürworter dieser Annullierung einstimmen, sich selbst bloßstellen. Denn wenn, wie sie behaupten, die Zentralbanken immer die bei Fälligkeit der alten Schuldpapiere neu ausgegebenen und zu Null verzinsten Staatsanleihen aufkaufen, dann gäbe es keinen Bedarf für eine Annullierung der Schulden. Sie würden bei Fälligkeit einfach immer wieder erneuert. Allein die Tatsache, dass sie jetzt um eine solche Abschreibung bitten, unterstreicht ihre Nervosität über die zunehmenden Anzeichen einer anziehenden Inflation und ihre damit einhergehende Angst, dass die Anleihemärkte zusammenbrechen und die Zinsen wieder steigen werden. Unter diesen Umständen wäre es für sie von entscheidender Bedeutung, den Druck auf die verschwenderischen Regierungen mit einer Annullierung zu lindern. Denn eine derartige Annullierung würden einer Abschreibung von fast einem Drittel der gesamten emittierten Staatsschulden gleichkommen und würde nur einer in den Augen der Öffentlichkeit sehr abstrakten und fernen Institution wie der Zentralbank schaden. Aber die Dinge sind nicht so einfach, wie sie scheinen. Würde eine Annulierung, wie die jetzt geforderte, durchgeführt, würde sie folgendes ans Tageslicht bringen. Erstens, dass die Zentralbanken sich darauf beschränkt haben, Geld zu schaffen und es über die Finanzmärkte in das System zu pumpen, was einige wenige Leute exorbitant reich gemacht hat, ohne langfristig nennenswerte reale Effekte zu erzielen (abgesehen von der künstlichen Senkung der Zinssätze und der gleichzeitigen Zerstörung der effizienten Allokation der produktiven Ressourcen).(44) Der Aufschrei der Bevölkerung gegen diese Politik würde bei einer solchen Duldung ein solches Ausmaß erreichen, dass die Zentralbanken zweitens nicht nur ihre gesamte Glaubwürdigkeit,(45) sondern auch die Möglichkeit verlieren würden, ihre Politik der Offenmarktkäufe (“quantitative Lockerung”) in Zukunft zu wiederholen, da sie durch die Umstände gezwungen wären, sich darauf zu beschränken, Geldspritzen direkt an die Bürger zu geben (“Friedmans Helikopter”), die aus Sicht ihrer Auswirkungen auf die Einkommensverteilung die einzig “gerechten” sind, die aber mangels kurzfristig erkennbarer realer expansiver Effekte das endgültige Ende der Fähigkeit der Zentralbanken bedeuten würden, mit ihrer Geldpolitik die Volkswirtschaften der Zukunft nennenswert zu beeinflussen.

Und in diesem Zusammenhang kann die einzig sinnvolle Empfehlung an die Anleger nur lauten, alle ihre festverzinslichen Positionen so schnell wie möglich zu verkaufen. Denn es ist nicht bekannt, wie lange die Zentralbanken noch einen so exorbitanten Preis für festverzinsliche Wertpapiere künstlich aufrechterhalten werden, wie es ihn in der Geschichte der Menschheit noch nie gegeben hat. Und in der Tat gibt es mehr als genug Anzeichen dafür, dass die aufmerksamsten Investoren, wie Hedge-Fonds und andere, die Derivate und andere ausgeklügelte Techniken nutzen, bereits auf den Zusammenbruch der Rentenmärkte wetten, während sie offiziell nicht aufhören, beruhigende Botschaften und Empfehlungen an die Medien weiterzugeben, wobei sie sich der renommiertesten Kommentatoren bedienen.(46) Dies müssen sie tun, weil sie unbemerkt und zum höchstmöglichen Preis aus den Schuldenmärkten “aussteigen” wollen.

 

Der “Strohhalm:” die Staatsausgaben

Und so kommen wir zum letzten Rezept, das als fundamentaler Ausweg aus der durch die Pandemie ausgelösten Krise und zur Wiederherstellung der Normalität vorgeschlagen wird: Keineswegs die Staatsfinanzen in Ordnung bringen, auch nicht unproduktive öffentliche Ausgaben verschlanken; keineswegs die Steuerlast senken oder die bürokratische und regulatorische Belastung der Unternehmer verringern, damit sie wieder Vertrauen fassen und anfangen zu investieren. Nichts dergleichen, sondern ganz im Gegenteil: maximaler Rückgriff auf die Fiskalpolitik, indem die öffentlichen Ausgaben noch mehr und in exorbitanter Weise erhöht werden. Dabei sollen, so heißt es eindeutig, Umweltinvestitionen, Digitalisierung und Infrastrukturprojekte Priorität haben. Aber diese neue Fiskalpolitik ist pro- zyklisch und beunruhigend kontraproduktiv. Wenn zum Beispiel ab Sommer 2021 das “Manna” der 140 Milliarden Euro, die Spanien von der Europäischen Union in Geldern gewährt wurden, die nicht zurückgezahlt werden müssen, (von einem Gesamtprogramm von 750. Mrd., die von den Behörden der Union organisiert werden und auf bis zu 1,85 Billionen in Form von Krediten erweiterbar sind), in Spanien ankommen, ist es mehr als wahrscheinlich, dass sich sowohl die spanische Wirtschaft als auch die Wirtschaft des Rests der Europäischen Union bereits selbstständig erholt haben, so dass diese Fonds knappe Ressourcen absorbieren und umleiten werden, die für den privaten Sektor unerlässlich sind, um die notwendigen Investitionsprojekte initiieren und abzuschließen zu können. Diese privaten Investitionsprojekte können aufgrund ihrer echten Rentabilität aus eigener Kraft und ohne öffentliche Hilfen kurz-, mittel- und langfristig ein hohes Volumen an nachhaltiger Beschäftigung generieren. Dies steht im Gegensatz zur Beschäftigung, die durch konsumtive öffentliche Ausgaben erzeugt wird. Diese ist immer prekär und von politischen Entscheidungen abhängig, selbst in pharaonischen Projekten des ökologischen und digitalen “Übergangs”. Ganz zu schweigen von der inhärenten Ineffizienz des öffentlichen Sektors, wenn es darum geht, die erhaltenen Ressourcen zu kanalisieren, und der unvermeidlichen politischen Einflussnahme bei ihrer Verteilung, die immer sehr anfällig für die Suche nach und die Aufrechterhaltung der entsprechenden politischen Patronage ist. Wir alle erinnern uns zum Beispiel an das große Scheitern des so genannten “Plan E” zur Erhöhung der spanischen Staatsausgaben, der von der sozialistischen Regierung Zapatero gefördert wurde, um die Große Rezession von 2008 zu bekämpfen. Oder das beklagenswerte Scheitern der Fiskalpolitik der starken Staatsausgabenerhöhung in Japan, die keinen nennenswerten anderen Effekt hatte, als dieses Land zum höchstverschuldeten der Welt zu machen. Kurz gesagt, die Geschichte wiederholt sich immer wieder.

 

Schluss

Es gibt keine wundersamen Abkürzungen, um aus einer so ernsten Krise wie der durch die aktuelle Pandemie hervorgerufenen herauszukommen. Obwohl sich Regierungen und Währungsbehörden bemühen, sich den Bürgern als deren unverzichtbare “Retter” zu präsentieren, indem sie durch ihre Bemühungen und frenetische Aktivität scheinbar segensreiche Dinge tun. Auch wenn beide, wie die Österreichische Schule gezeigt hat, systematisch ihre intrinsische Unfähigkeit verbergen, die Informationen zu bekommen, die sie brauchen, um ihren Befehlen einen koordinierenden Inhalt zu geben. Obwohl ihr Handeln systematisch unverantwortlich und kontraproduktiv ist, weil sie die knappen Ressourcen der Gesellschaft verschleudern und eine korrekte Ressourcenallokation und eine rationale Wirtschaftsrechnung bei Investitionsprozessen unmöglich machen. Trotz alledem, d.h. trotz der Regierungen und Zentralbanken, wird die Covid-19- Pandemie in ein paar Jahren einfach eine traurige historische Erinnerung sein, die von zukünftigen Generationen bald vergessen sein wird, so wie sich niemand an die viel größeren gesundheitlichen und wirtschaftlichen Verwüstungen durch die “Spanische Grippe” vor einem Jahrhundert erinnerte. Damals wie heute werden wir als Ergebnis unserer individuellen und kollektiven Anstrengungen versuchen, die uns wichtigen Projekte in den Schlupflöchern des freien Unternehmertums und des freien Marktes, die trotz allem noch offen stehen, kreativ voranzubringen.

 

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(34) Jesús Huerta de Soto, “La teoría de la eficiencia dinámica”, Procesos de Mercado, vol. 1, nº 1, primavera 2004, pp. 11-71. Deutsche Übersetzung in Jesús Huerta de Soto, Die Theorie der dynamischen Effizienz, Kapitel 1 „Die Theorie der dynamischen Effizienz“, Duncker&Humblot, Berlin, S. 21-58.

(35) Vergleiche zudem die Ausführungen in Jesús Huerta de Soto, Geld, Bankkredit und Konjunkturzyklen, op. cit., S. 318-19.

(36) Siehe beispielsweise P. Bagus, J.A. Peña Ramos y A. Sánchez Bayón, “Covid-19 and the Political Economy of Mass Hysteria”, Int. J. Environ. Res. Public Health, 2021, 18 (4) 1376.

(37) Jesús Huerta de Soto, “La Japonización de la Unión Europea”, Procesos de Mercado, Vol. XVI, nº 2, Herbst 2019, S. 317 – 342, op. cit. Auf der anderen Seite ist das “Theorem der Unmöglichkeit des Sozialismus” voll auf Zentralbanken anwendbar, wie in Jesús Huerta de Soto, Geld, Bankkredit und Konjunkturzyklen, op. cit., pp. 452-472 gezeigt.

(38) David Hume, “Of Money” in Essays, Moral, Political and Literary, E. F. Miller (ed), Liberty Classics, Indianapolis, 1985, S. 281 ff. Hume verweist ausdrücklich auf die Tatsache, dass, wenn durch ein Wunder jeder Mann in Großbritannien über Nacht fünf Pfund mehr in der Tasche hätte, dies keinen wirklichen Effekt hätte, außer die Kaufkraft des Geldes zu vermindern (d.h. die nominalen Preise zu erhöhen), denn die Produktionskapazität des Vereinigten Königreichs würde identisch bleiben (S. 299). Mit seinem berühmten “Hubschrauber” hat Friedman dieses Beispiel von Hume lediglich kopiert und aktualisiert (ohne es zu zitieren).

(39) Mervyn King selbst, der ehemalige Gouverneur der Bank of England, musste beispielsweise einräumen: “Das vorherrschende Narrativ ist, dass die Kombination aus fiskalischen und monetären Stimuli ein Erfolg gegen die Pandemie war, aber ich sehe jetzt nicht wirklich den Nutzen des Zentralbankaktivismus. Ich diskutiere seit Tagen mit meiner Frau, ob es Zeit ist, in unserem Lieblingsrestaurant essen zu gehen: Der Tenor dieser Diskussion wird sich nicht ändern, weil die uns die Zinsen weiter senken”. El País, Madrid, Sonntag, 17. Januar 2021, S. 38.

(40)     Das Verhältnis der Währungsbehörden zu den privaten Banken ist “schizophren”: Einerseits überschwemmen sie diese mit Liquidität zur Kreditvergabe, gleichzeitig drohen sie ständig damit, mehr Kapital zu verlangen und genau zu beobachten, wem sie Kredite geben.

(41) Vgl. unter anderen Michael D. Bordo y Mickey D. Levy, “The Short March Back to Inflation”, The Wall Street Journal, 4. Februar 2021, S. A17.

(42) Die Durchführung einer solchen Politik würde den Euro politisch so stark belasten, dass sie sehr wahrscheinlich seine Existenz gefährden würde.

(43) Siehe z.B. Patrick Newman, “Modern Monetary Theory: An Austrian Interpretation of Recrudescent Keynesianism”, Atlantic Economic Journal, Nr. 48, 2020, S. 23-31, sowie die kritischen Artikel von Mark Skousen und Gordon L. Brady, die in der gleichen Ausgabe dieser Zeitschrift veröffentlicht wurden. Zu denjenigen, die sich am meisten von der “modernen Geldtheorie” haben verführen lassen, gehört Mario Draghi selbst: siehe z.B. “Las claves del plan Draghi” um Italien zu retten, ABC, 4. Februar 2021, S. 30.

(44) Es ist eine wahre Tragödie, dass Experten, Politiker und Bürger vergessen haben, dass der wichtigste aller Preise und damit derjenige, der am transzendentesten ist, und daher vom freien Markt festgelegt werden sollte, der Zinssatz oder der Preis für gegenwärtige Güter in Relation zu zukünftigen Gütern ist. Er kann nicht ungestraft von Regierungen und Zentralbanken manipuliert werden, ohne die Wirtschaftsrechnung und die korrekte intertemporale Allokation der Produktionsmittel zu blockieren.

(45) Unter anderem wären sie nicht in der Lage, genügend Zentralbankreserven aus dem System abzuziehen, wenn dies in der Zukunft angesichts eines Inflationsschubs notwendig werden sollte, da sie keine Vermögenswerte verkaufen können, nachdem sie diese abgeschrieben haben. Nur im Zusammenhang mit dem unwiderruflichen Übergang zu einem vollgedeckten Bankensystem, das ich in Kapitel IX meines Buches Geld, Bankkredit und Konjunkturzyklen (op. cit., S. 501 ff.) vorschlage, wäre es sinnvoll, die von der Zentralbank gehaltenen Staatsschulden zu erlassen, um zu verhindern, dass sie zum Inhaber eines bedeutenden Teils der Realwirtschaft wird, wenn, wie ich vorschlage, die Staatsschulden gegen die Bankaktiva getauscht werden, die heute die Sichteinlagen bilanziell ausgleichen.

(46) Siehe zum Beispiel die Litanei von Kommentaren und Empfehlungen zur Geld- und Fiskalpolitik des angesehenen Martin Wolf in der Financial Times oder von Paul Krugman selbst in der Wirtschaftsbeilage von El Pais. Es gibt praktisch keine Woche, in der sie nicht mehr Geldspritzen und höhere Staatsausgaben empfehlen.